No Charges spared

07.11.2017 | Patina-Hipster müssen jetzt ganz stark sein: diesem Mopar Muscle-Car wurde der Gammel nämlich nach schwäbischem Standard gründlich ausgetrieben - und zu neuem, alten Glanz verholfen.

Typisch für den Charger ist das zurück versetzte Heckfenster, Pontiac setzte dieses Gestaltungsmerkmal auch am 67er GTO ein.

Streifenwagen: der rote R/T-Stripe setzt einen Akzent am ganz in Schwarz gehalten gehaltenen Charger.

Das Dreispeichen-Lenkrad im Holzlook gehörte zur Standardausstattung des Charger SE, war aber gegen Aufpreis auch für den R/T erhältlich.

Auch wenn der Hemi als das Nonplusultra gilt, so ist der 440er wesentlich unkomplizierter und im wahren Leben kaum langsamer.

Nur knapp 20 Prozent 1969er Challenger R/T 440 wurden mit Schaltgetriebe bestellt.

Auch wenn mehr oder weniger ironisch zur Schau getragene Lack- oder gar Karosseriemängel seit einigen Jahren hoch im Kurs stehen, konnte der Vorbesitzer des Chargers sich mit diesem Trend nicht anfreunden. Als Inhaber einer großen Mercedes-Benz-Vertretung in Pennsylvania legt er wohl großen Wert auf Qualität, die seit jeher von den Stuttgarter als Markenkern für sich in Anspruch genommen wird. Als er sich statt einem Schlitten mit dem "guten Stern" auf der Haube ein Muscle Car mit Pentastar-Logo zulegte, war klar, dass das Auto im hauseigenen Body Shop wieder in einen properen Zustand gebracht werden sollte. "Neuzustand" lautete die Vorgabe – oder lieber noch ein bisschen besser.

Von den Staaten in die Schweiz

"Alle Arbeiten wurden durch die eigenen Fachleute von Mercedes bewerkstelligt", berichtet Daniel Singy, von der Firma Top Auto Oerlikon, der den Dodge kürzlich aus den Staaten in die Schweiz importierte. Nachdem das Coupe komplett zerlegt und mithilfe eines Drehgestells rundherum auf Vordermann gebracht wurde, weist der Wagen laut Daniel jetzt Showqualität auf: "Der Zustandsgrad entspricht 'Concours', also Klasse 1 und ist damit besser als damals bei Auslieferung. Die Carrosserie ist astrein und der Fahrzeugrahmen einwandfrei. Der Unterboden ist ebenfalls ohne jeglichen Rost und sauber in schwarz lackiert."

Ein Aufwand, der sich gelohnt haben dürfte: Dodge Charger der von 1968 bis 1970 gebauten zweiten Generation zählen zu den populärsten und damit auch am teuersten gehandelten Muscle Cars. Fahrzeuge, die ab Werk mit einer besonders begehrten Ausstattung und einer Big-Block-Motorisierung geliefert wurden, erzielen unter Sammlern besonders hohe Kurse. In dieser Hinsicht hat Daniels Dodge gleich mehrere Asse im Ärmel: unter der Haube steckt ein 440-ci-"RB"-Big Block. Der hubraumstärkste Motor, den Chrysler damals im Programm für Personenwagen anbot. Zwar steht der 426-ci-Hemi für die viele Fans ganz oben in der Futterkette , im wahren Leben punktet der bullige 440er aber mit einer besseren Fahrbahrkeit und weniger Wartungsaufwand.

380 PS

Das offiziell mit 380 PS angegebenen 7,2-Liter-Aggregat beschleunigt den Charger in knapp über 6 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h und sorgt dafür, dass das Coupe die Viertelmeile in knapp 14 Sekunden knackt. Der 440-ci-V8 war die Standardmotorisierung der Charger R/T-Modelle, konnte gegen Aufpreis aber auch im Standard-Charger geordert werden. Außer der großen Maschine boten die R(oad)/T(rack)-Versionen serienmäßig ein verbessertes Fahrwerk mit strafferen Dämpfern, angepassten Federn und verstärkten Stabis, sowie größere Bremsen. Zusätzlich wurde dieses Exemplar mit den optionalen vorderen Scheibenbremsen bestellt. Versehen mit einem manuellen Vierganggetriebe liefen 1969 nur 3.605 Charger R/T vom Band.

Als wäre die Konstellation 440er R/T und Viergang-Schaltgetriebe – zumal ergänzt durch das "A33 Trak Pack" mit 3,54:1 übersetzter Dana-Achse und Sperrdifferential - nicht begehrt genug, treibt die Farbkombination die Nachfrage weiter in die Höhe. Die Ausführung in "Triple Black", sprich: schwarze Lackierung, schwarze Innenausstattung und schwarzes Vinyldach, kommt bei den heutigen Mopar-Enthusiasten gut an, wurde allerdings in den Flower-Power-60ern nur selten gewählt. Fahrzeuge die nachweislich komplett schwarz ausgeliefert wurden, können daher oft beachtliche Preisaufschläge erzielen. Im Falle von Daniels Charger belegt das am fahrerseitigen Stehblech im Motorraum angebrachte Fender Tag, dass der Dodge nicht erst im Zuge der Restaurierung aus verkauftstaktischen Gründen auf "Triple Black" getrimmt wurde.

Wet Sanding = satter Glanz

Für den satten Glanz der Lackierung sorgt ein Verfahren namens "Wet Sanding", bei dem der Lack nach dem Aushärten in mehreren Schritten nass angeschliffen wird: "Zuerst mit 1200er, dann mit 1500er und schließlich mit superfeinem 2000er Papier.", erklärt Daniel, "Diese Arbeiten dauerten alleine viele Stunden." Da versteht es sich von selbst, dass beim Zusammenbau keine verschlissenen Teile zum Zuge kamen. Alle Chrom- und Zierteile wurden überarbeitet oder erneuert. Auch bei der Verglasungachtete man auf tadellosen Zustand und die Stoßstangen ließ der Mercedes-Dealer aufwendig neu verchromen. Auch der Innenraum wurde vom Teppich bis zum Dachhimmel renoviert. Dabei zog er Sattler nicht nur zum Beispiel neue Sitzbezüge auf, sondern setzte auch frische Schaumstoffkerne ein.

Natürlich machte die Restaurierung auch vor der Technik nicht halt: alle Teile des Fahrwerks und der Bremsen wurden einer Aufarbeitung unterzogen und mit frischen Verschleißteilen bestückt. Das von Grund auf revidierte Triebwerk ist laut Daniel – der alle Seriennummern und Produktionsdaten, die er an Teilen wie Vergaser oder Auspuffkrümmern finden konnte, sorgfältig notiert hat – "Date Code correct". Das bedeutet, dass die Herstellungsdaten der einzelnen Teile darauf hinweisen, dass sie kurz vor der Montage des Fahrzeugs produziert  wurden, was wiederum darauf schließen lässt, dass es sich um den Originalmotor oder zumindest einen identischen Motor handelt.

Qualitätsrestaurierung

Für dieses Mopar-Sahnestück machte Daniel einen gut sechsstelligen Betrag locker: "Viele denken jetzt: 'Was so teuer?'. Aber es ist erstens sehr schwierig ein solches Fahrzeug mit den genannten Originaloptionen zu finden und zweitens kostet letztendlich einiges mehr einen solchen Wagen selber in dieser Qualität zu restaurieren!" Der Deal ging wohlgemerkt über die Bühne, ohne dass Daniel den Wagen in den USA besichtigte: "Ich war mir sicher, dass der Wagen genau den Angaben von meinem Lieferanten entsprechen würde." Trotzdem war die Spannung groß, als sich endlich die Türen des 40-Fuß-Überseecontainers öffneten: "Ich konnte es kaum erwarten. Als ich den Wagen sah, war ich total überwältigt. Er war wirklich so gut wie beschrieben. Bei der bei der technischen Anpassung für die Schweizer Zulassung mussten mein Team und ich tatsächlich nur wenige kleine Instandsetzungen vornehmen. Ich glaube, ich hatte noch nie so wenig an einem Wagen zu tun.", schwärmt Daniel. Zur Feier der bestandenen Abnahme, bei der dem Dodge auch gleichzeitig der Veteranenstatus verliehen wurde, ließ der Züricher es sich nicht nehmen dem Muscle-Car noch eine Extraportion Glanz zu verleihen: "15 Schichten feinstes brasilianischen Carnauba Wachs habe ich inzwischen aufgetragen. Das sorgt für einen tiefschwarzen Wet-Look!"

 

Text: Marc von Kiedrowsky
Fotos: Frank Schwichtenberg