Road Chief

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Gegenüber einem Chevy Bel Air kostete der Star Chief ein paar Hunderter mehr, bot dafür unter anderem aber mehr Hubraum.

1956er Pontiac Star Chief

Von Arizonas Highways auf die Straßen des Weserberglands

Auf den ersten Kilometern musste sich Volker Bartels gründlich umgewöhnen: Für den Familienvater aus Bevern ist der Achtzylinder-Traumschlitten nämlich der erste Ami und stellt wohl so ziemlich in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil zu dem Fiat 500 dar, mit dem er Alltags unterwegs ist. Und auch für den „Poncho“ dürften die kurvigen Straßen des Weserberglandes eine überraschende Abwechslung zu den breiten Highways des US-Bundesstaates Arizona darstellen, wo er das erste halbe Jahrhundert seines Autolebens verbrachte. Beschwert haben sich bis jetzt aber weder der Star Chief noch sein Besitzer.

Irgendwie hängt ja doch alles mit allem zusammen. Zugegeben keine weltbewegende Erkenntnis, manchmal aber trotzdem erstaunlich. Volker hätte sich zum Beispiel wohl nicht so bald einen Ami zugelegt, wären alte VW Bullis heutzutage nicht so gesucht. „Bisher lag mein Fokus auf deutschen Oldtimern“, berichtet er, „Insbesondere VW Käfer und Bullis waren meine Favoriten.“ Etliche Wolfsburger hat er liebevoll restauriert und über Jahre gefahren. Zuletzt einen T1 aus dem Jahre 1962, den er nach Originalvorlagen eines Auslieferungswagens der lokalen Brauerei restaurierte.

Die Garage braucht einen Oldtimer

Seit einer Weile liebäugelte Volker bei manchem Oldtimertreffen auch mit US-Klassikern: „Der Sound, der viele Chrom und, und, und …“, schwärmt er. An dieser Stelle greift der Bulli-Hype ins Geschehen ein, der dafür gesorgt hat, dass sich die Preise für Top-Exemplare in den letzten 10 Jahren glatt verdoppelt haben. „Bei einem Bulli-Treffen machte mir jemand ein Angebot für meinen T1, das ich einfach nicht abschlagen konnte“, erinnert sich Volker. So war er von einem Moment auf den nächsten seinen Bus los und hatte einen Garagenplatz frei. Das sollte nicht lange so bleiben, der Familienrat beschloss: „Das Geld wird nicht für einen Urlaub genommen, auch nicht ins traute Heim gesteckt. Nein – die Garage braucht wieder einen Oldtimer.“

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Also begann die Suche nach einem neuen Klassiker auf allen Kanälen: Volker informierte seine Kollegen vom Oldtimer-Club über seine Pläne, gleichzeitig begann die Suche im Internet. Schnell stellte sich heraus: „Einen Wagen zu finden, der der ganzen Familie gefällt, ist ganz schön schwierig.“, erinnert sich Volker, „In Oldtimer- und Autobörsen haben wir uns hunderte Wagen angeschaut und immer hieß es ‚…ach nee. Der nicht!'“ Eines Abends kam kam dann Sohn Marcel mit dem Laptop ins Wohnzimmer und verkündete: „Der ist super, schaut mal !“

Pontiac Star Chief Two-Door Catalina

Gemeint war natürlich der Pontiac Star Chief mit seinem eleganten Hardtop-Dach: „Da war er, in rot-weiß, mit viel Chrom und einfach riesig. Der Pontiac hatte alles, was einen typischen Amerikaner ausmacht. Dazu stammte er noch aus den 50er Jahren und für diese Epoche hatten wir alle schon immer ein Faible.“, berichtet Volker. Wie es sich für einen klassischen Amerikaner gehört, arbeitete in den 1956er Pontiacs stets ein V8 mit 5,2-Litern Hubraum. Im Falle des Star Chief, der die Spitze der Pontiac Modellpalette markierte, ist das Aggregat für 225 Pferdestärken gut.

Als die Begeisterung einmal aufgeflammt war, wollte sich der Käferkenner den Star Chief auf keinen Fall vor der Nase wegschnappen lassen. Also bat er seinen Bekannten Andre Winkler, den US-Car-Experten im Club und selbst Pontiacfahrer, um Unterstützung. Und schon zwei Tage später standen die Beiden im Ruhrgebiet beim Besichtigungstermin vor dem Fifities-Cruiser. Erster Eindruck: „Wow, toller Wagen!“

„Rot-weiß, viel Chrom und einfach riesig. Der Pontiac hatte alles,
was einen typischen Amerikaner ausmacht.“
Kleine Mängel und großer Wendekreis

Auch bei genauerem Hinsehen hielten sich die Mängel in Grenzen: „Gut hier und da musste sicher was getan werden, doch eigentlich nur Kleinigkeiten“, schildert Volker. Wo es nichts zu meckern gibt, da ist der Verhandlungsspielraum schmal, weshalb Andre und Volker zäh mit dem Verkäufer um den Preis feilschten. Schließlich wurde man sich aber doch einig und die beiden Niedersachsen konnten den coolen Pontiac gleich mit nach Hause nehmen.

Nachdem die Lieben daheim über den Neuerwerb informiert und mit ersten Handybildern versorgt waren, lagen gute 200 Kilometer Rückweg vor Volker: „Allein der Wendekreis und die enormen Ausmaße der Karosse haben mir am Anfang ganz schöne Probleme bereitet. Meinen Fiat 500 könnte man sicher locker im Kofferraum des Star Chief verstauen. Aber auf der Autobahn machte der Fünfliter-Motor richtig Spaß, ist halt auch beim Anzug kein Fiat 500.“

Zuhause angekommen wollte natürlich die ganze Familie Probesitzen und eine kleine Rundfahrt unternehmen, während die Nachbarn sich die Nasen an ihren Fenstern plattdrückten. „Ja, ein Amerikaner sorgt schon für Aufsehen im kleinen Weserdorf Bevern“, erklärt Volker lachend. Anschließend ging es gleich weiter in die Garage von Andre, wo der Pontiac ganz genau untersucht wurde.

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So muss das: Durchgehende Sitzbank und Wählhebel am Lenkrad gehören bei einem echten Straßenkreuzer einfach dazu.
Ersatzteile aus den Staaten

Ergebnis der Bestandsaufnahme: Ein Satz neuer Stoßdämpfer war fällig, außerdem diverse Schläuche und ein paar weitere Kleinigkeiten. Kein großes Problem, aber bei der Ersatzteilsuche musste Volker sich erst einmal neu orientieren: „Ersatzteile für Käfer und Bullis sind immer relativ einfach zu beschaffen. Ein 1956er Star Chief ist da schon deutlich spezieller. Hier passt nicht jedes Ersatzteil aus der Modellreihe und in Deutschland ist es schon gar nicht aufzutreiben.“

Also musste direkt in den Staaten geordert werden: „Englisch hatte ich zuletzt in der Schule und das ist ganz schön lange her! Ob die mich dort überhaupt verstehen?“, witterte Volker das nächste Problem. Letztlich fand er aber einen Händler, der nicht nur Teile für das richtige Modell und den richtigen Jahrgang auf Lager hatte, sondern auch noch Deutsch verstand.

Gemeinsam mit Andre tauschte Volker während der Wintermonate die verschlissen Teile aus und nahm kleinere Reparaturen vor, im März 2015 stand dann der große Tag der Hauptuntersuchung an an. Volker fuhr auf den Hof der TÜV-Station und die erste Frage des Prüfers lautete: „Darf ich mal ein Foto machen?“. „Klar doch“, witzelte der Besitzer, „Aber nur wenn er durchkommt!“ Trotz des verlockenden Angebots zeigte sich der Prüfer unbestechlich und nahm den Ami sehr genau unter die Lupe.

Aber auch der intensiven Begutachtung zeigte sich das Coupe gewachsen und bestand die Untersuchung ohne Mängel. Für Andre und Volker bedeutete die frische Plakette nicht weniger als die amtlichen Bestätigung, dass sie ganze Arbeit geleistet hatten. Inzwischen sind die Ausmaße und das Fahrverhalten seines Amischlittens Volker in Fleisch und Blut übergegangen: Manchmal erwischt er sich dabei, dass er mit seinem Fiat 500 vor Kurven viel zu weit ausholt.

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Text: Frank Mundus
Fotos: Frank Schwichtenberg

1956er Pontiac Star Chief Two-Door Catalina

Motor: OHV V8, 316,6 ci, 5.192 ccm, 227 PS bei 4.800 U/min, 423 Nm bei 3.000 U/min, Bohrung x Hub in mm 100 x 82,6, Verdichtung: 8,9:1, Carter Vierfachvergaser
Kraftübertragung: Dreigang-Automatikgetriebe GM Hydra-Matic, Heckantrieb, Achsübersetzung: 3,08 : 1
Vorderachse: Einzelradaufhängung an doppelten Querlenkern, Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer, Querstabilisator
Hinterachse: Starrachse an halbelliptischen Blattfedern, Teleskopstoßdämpfer
Räder: Lackierte Stahlscheibenräder in 15″, „Baby Moon“-Radkappen, Verchromte Zierringe
Reifen: Weißwandreifen in  235/75 R15

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