1958er Pontiac Parisienne

1958er Pontiac Parisienne Convertible mit Big Block V8

For Canada only

Original ab Werk: Pontiac mit Chevrolet Big Block V8!

Eigentlich sieht dieser Straßenkreuzer wie ein ganz normales 1958er Pontiac Cabrio aus– wenn man bei so einem Schmuckstück von „normal“ sprechen möchte. Doch der für ein amerikanisches Auto eher ungewöhnliche Name „Parisenne“ verrät bereits, dass es sich nicht um ein Modell aus dem US-Programm von Pontiac handelt. Ein Blick in die technischen Daten sorgt für Stirnrunzeln: weder die Spezifikationen des Motors, noch die Maße des Chassis entsprechen üblichen Pontiac-Werten. Des Rätsels Lösung: Für den kanadischen Markt produzierte General Motors maßgeschneiderte Modelle, der Parisienne war 1958 das Topmodell der kanadischen Pontiac-Palette.

1958er Pontiac Parisienne Convertible

Längs verlaufende Sicken im Kofferraumdeckel erinnern an die einst Pontiac-typischen Chromstreifen an Motorhaube und Kofferraumdeckel.

Eigentlich verrückt: General Motors entwickelte ein eigenes Modell für das direkte Nachbarland Kanada, welches den US-Schwestermodellen auch noch zum Verwechseln ähnlich sah. Für die scheinbar absurde Maßnahme hatte der seinerzeit mächtigste Konzern der Welt handfeste Gründe. Der wichtigste war, dass Kanada seinerzeit auf Importautos 17,5 Prozent Zoll erhob. Der einzige Weg diesen satten Aufschlag zu umgehen lag darin, die entsprechenden Modelle direkt in Kanada zu bauen. Eine Produktion vor Ort bedeutete erhebliche Investitionen, die sich nur bei hohen Stückzahlen rentierten. An dieser Stelle machte sich der zweite Faktor bemerkbar: der kanadische Automarkt war damals wesentlich kleiner als der des südlichen Nachbarn. Als Anhaltspunkt: In der Periode von 1960 bis 1964 produzierten die USA im Schnitt jährlich rund 6,9 Millionen Autos, während es in Kanada nur 434.000 waren.

In den 1950er Jahren wurden noch einmal deutlich weniger Fahrzeuge in Kanada gebaut und verkauft, als im oben genannten Zeitraum, sodass es sich für GM nicht gelohnt hätte, für jede seiner Marken eine eigene Fabrik „nördlich der Grenze“ aufzubauen. Fahrzeuge der teureren Marken Buick, Oldsmobile und Cadillac wurden daher einfach aus den USA importiert, weil man davon ausging, dass die Premiumkunden die Zollkosten schlucken würden. Der Absatz an Chevrolet-Modellen war groß genug, um die Errichtung einer Fabrik in Kanada zu rechtfertigen, sodass nur noch eine Lösung für Pontiac gefunden werden musste.

Fast wie im Polizeiwagen: Die Spotlights können vom Fahrgastraum aus gesteuert werden, auf der Rückseite sind die Außenspiegel integriert. Attraktiver als manches Leichtmetallrad sind die geprägten Radkappen, Weißwandreifen dürfen an einem solchen Straßenkreuzer nicht fehlen!

Pontiacs von kanadischen Chevrolet-Fließbändern

Ein Import der Pontiac Modelle wäre im Hinblick auf das angepeilte Segment zu teuer gekommen. Für eine eigenständige Fabrik war das Absatzpotential zu klein. Hätte GM die Marke in Kanada gar nicht angeboten, wären weite Teile des Landes „unbeackert“ geblieben. Denn im vergleichsweise dünnen kanadischen Händlernetz waren üblicherweise zwei oder mehr Konzernmarken an einem Standort verbandelt. Die meisten Chevy-Händler boten auch Buicks an und in vielen Oldsmobile Showrooms wurden außerdem Pontiacs angeboten. Ohne Pontiac hätten die Olsmobile Dealer keine günstige Marke als Ergänzung im Sortiment gehabt. Oft gab es in kleineren Orten auch nur einen einzigen Autohändler. Wenn es sich dabei um eine Oldsmobile-Vertretung handelte, wäre für potenzielle Kunden schlimmstenfalls weit und breit kein GM-Einstiegsmodell verfügbar gewesen.

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Um der misslichen Lage zu entkommen, mussten Pontiacs von kanadischen Chevrolet-Fließbändern rollen. Damit Fahrzeuge beider Marken im selben Werk gebaut werden konnten, mussten diese soweit wie möglich einander angeglichen werden. Im Fall des 1958er Pontiac Parisienne, der in diesem Modelljahr als neue Topversion der Laurentian-Reihe vorgestellt wurde, entsprach das Chassis und der Karosserieunterbau dem 1958er Chevrolet Impala. Optisch war die Karosserie ähnlich wie der Bonneville gestaltet, das Spitzenmodell des US-Pontiac-Modellprogramms. Weil der Impala einen kürzeren Radstand als die US-Pontiacs hatte , mussten die äußeren Karosseriebleche komplett neu entworfen werden: Weder vom Impala noch vom Bonneville passen Blechteile an einen Parisienne.

Innenraum 1958er Pontiac Parisienne Convertible
Auch im Innenraum ist nicht ersichtlich, dass Technik und Unterbau vom Impala stammen, das aufwendige Armaturenbrett orientiert sich am US-Bonneville.

Auch der Innenraum war nach Pontiac-Art gestaltet: insbesondere das Styling des konkav geformten Armaturenbretts mit seinen runden Instrumenten und Lüftungsdüsen, sowie der bis in die Türverkleidungen hineingezogenen Chromblende, entsprach den amerikanischen Ponchos. Während jede GM-Division bis in die 1970er spezifische Motoren verwendete, kamen bei Parisienne, Laurentian und Co. naheliegenderweise Chevrolet-Motoren zum Einsatz. Anders als die in den USA verkauften Pontiacs, die im Modelljahr 1958 serienmäßig mit V8-Motoren ausgestattet waren, begann bei den Kanada-Ponchos das Angebot mit einem 261-ci-Sechszylinder der seine Ursprünge im Chevy-Truck-Programm hatte.

Motor 1958er Pontiac Parisienne Convertible
In den kanadische Pontiacs waren im Gegensatz zu den US-Gegenstücken Chevrolet-Motoren verbaut, die Top-Option war der 348 ci Big Block mit Tri-Power-Vergaseranlage.

Das obere Ende des Motorenprogramms markierte ein 348-ci-V8, natürlich auch von Chevrolet, der Vorgänger der berühmten „409“. Das Triebwerk war wahlweise mit Vierfachvergaer oder einen Tri-Power-Setup verfügbar, das aus drei Doppelvergasern bestand. Mit 250, beziehungsweise 280 PS lag die Leistung der stärkeren Maschine ungefähr in der gleichen Liga wie das Standardtriebwerk des US-Bonneville. Das hier gezeigte Convertible ist mit dem Tri-Power-Motor ausgerüstet und hat auch sonst Einiges an Extras, wie zum Beispiel ein Continental Kit, Fender Skirts und Spotlights, zu bieten.

Bei seiner Auktion am 23. und 24. Oktober 2020 in Elkhart, IN wird RM Sotheby’s das Parisienne Convertible, das Anfang der 2000er Jahre einer aufwendigen Restaurierung unterzogen wurde, versteigern. Für den Parisienne, der 1958 lediglich 759 Mal als Cabrio mit V8 gebaut wurde (mit Sechszylinder liefen sogar nur 301 Einheiten vom Band) erwarten die Experten des Auktionshauses eine Zuschlagspreis zwischen 75.000 und 90.000 Dollar. Und zwar US-Dollar und keine Kanada-Dollar!

Text: Frank Mundus
Fotos: Courtesy of RM Sotheby’s

1958er Pontiac Parisienne Coinvertible

Motor: Chevrolet „W-Series“ OHV-V8, 348 ci, 5.703 ccm, 280 PS, Bohrung x Hub in mm: 104,8 x 82,6, Verdichtung 9,5:1, drei Doppelvergaser
Kratübertragung: „Turboglide“ Dreigang-Automatikgetriebe mit stufenlosen Übergängen und variablem Drehmomentwandler. Hinterradantrieb
Vorderachse: Einzelradaufhängung an oberen und unteren Querlenkern, Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer, Querstabilisator
Hinterachse: Starrachse an Vierlenker-Aufhängung, Schraubenfedern. Teleskopstoßdämpfer
Bremsen: Hydraulisch betätigte  11″-Trommelbremsen rundum
Räder: 14″-Stahlräder mit Radkappen
Reifen: Coker Classic Weißwandreifen in 225/75 R14

Ein schmuckes Emblem weist auf die Topmotorisierung mit dtei Doppelvergasern unter der Haube hin. Made in Canada: Um die bis Mitte der 1960er geltenden Importzölle zu vermeiden, fertigte GM bestimmte Modelle in Kanada.

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