1972er AMC Javelin AMX

AMC Javelin

AMC JavelinAmazing AMX

Nur 6.000 Meilen gelaufen: 1972er AMC Javelin AMX mit 401-ci-V8

An einem windigen Tag im Februar 1972 betrat James Unrein den Verkaufsraum von Kobler AMC-Jeep in Hays, KS. Nach einer kurzen Wartezeit, während der noch einige Extras installiert wurden, fuhr er in seinem brandneuen 1972er Javelin AMX vom Hof. 49 Jahre später, in den Wintermonaten des noch jungen Jahres 2021, ging das Coupe in den Besitz seines offiziellen zweiten Eigentümers Mark Fletcher über. Wir erzählen von der faszinierenden 6.000-Meilen-Reise des Muscle Cars aus Kenosha, das mit einem äußerst ungewöhnlichen „Extra“ an Mark übergeben wurde.

Der 1968er AMC Javelin war ein direkter Angriff auf den Ford Mustang und somit ein riskanter Schritt für die American Motors Corporation, den kleinsten Konzern der „Großen Dreieinhalb“. Der Mut zahlte sich aus, das Modell verkaufte sich im ersten Jahr über 55.000 Mal – das war deutlich mehr als die 40.000 Einheiten, mit denen die Produktplaner gerechnet hatten. Die erste Javelin-Generation wurde gegen Mitte des Modelljahres 1968 um den zweisitzigen AMX mit verkürztem Radstand ergänzt und blieb bis zum Ende des Modelljahres 1970 in Produktion.

Für 1971 stellte AMC die zweite Generation vor, die zwar auf der alten Plattform basierte, aber in fast jeder Dimension deutlich gewachsen war, ganz ähnlich wie der 1971er Ford Mustang. Der neue Javelin war mit dem größten Motor erhältlich, der jemals von AMC angeboten wurde: einer 401 ci großen Version des hauseigenen Achtzylindertriebwerks. Die neue Karosserie war aufregend gestylt und bescherte dem Modell zunächst beachtlichen Erfolg in einem überfüllten Marktsegment, das während der nächsten zwei Jahre einen drastischen Wandel erleben würde.

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Der AMX unterschied sich durch einen eigenständigen Kühlergrill vom Javelin SST, klare Blinker weisen auf ein frühes 1972er Exemplar hin.

Letztlich waren es drei Umstände, die Anfang der 1970er die Ära der PS-starken 7-Liter-Muscle Cars und Pony Cars beendeten. Zum einen gingen die Versicherungsunternehmen gegen die Hochleistungsmaschinen auf die Barrikaden und belegten besonders potente Modelle mit saftigen Prämien, insbesondere wenn die Fahrer jünger als 25 waren. Der zweite Grund waren von der Umweltschutzbehörde EPA vorgeschriebene Abgaswerte, die Smog reduzieren sollten und welche die Abschaffung von verbleitem Benzin bis zum Ende der Dekade unumgänglich machten. Als letzter Nagel im Sarg der Muscle Cars sollte sich schließlich das OPEC-Ölembargo im Jahr 1973 herausstellen.

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Die 2. Javelin-Serie

Die zweite Javelin-Serie war zunächst als Basismodell sowie in der leicht gehobenen SST-Ausführung und als Spitzenmodell AMX erhältlich, das serienmäßig mit einem 360-ci-V8 geliefert wurde. Im Gegensatz zu dem bis 1970 gebauten Modell war der AMX jetzt mit vier Sitzen versehen und hatte die gleiche Karosserie wie die übrigen Javelins. Im Modelljahr 1972 fiel die Basisvariante weg, und der AMX hatte nur noch einen 304-ci-V8 als Standardmotor. Lediglich 3.220 AMX wurden in diesem Jahr gebaut, 825 mit dem 401-ci-Top-Triebwerk.Wie viele überlebt haben, ist nicht bekannt, geschweige denn in einem komplett unrestaurierten und praktisch neuwertigen Zustand wie Marks AMX, der zudem mit dem gesuchten „Go-Pack“ ausgerüstet ist.

Mark kennt die Ära der Muscle Cars von Anfang bis Ende aus eigener Erfahrung: Er hat nicht nur miterlebt, wie die ersten Big Block Mid Sizer auf den Markt kamen, sondern er kam auch in den Genuss, viele Muscle Cars selber zu fahren, als diese in den späten 1970ern relativ günstig und in großer Zahl auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu haben waren. Obwohl er in den letzten 40 Jahren mehr als 100 Autos besessen hat, ist er seiner ersten automobilen Liebe für die obskuren Muscle Cars aus Kenosha, WI, die von der kleinen American Motors Corporation herausgebracht wurden, treu geblieben. Zum ersten Mal hörte Mark 2018 von dem AMX, als er mit seinem 1970er Mark Donohue Special Javelin auf verschiedenen Shows in der Gegend rund um L.A. unterwegs war. Trotz der spärlichen Angaben seines Tippgebers konnte er den Besitzer des raren Muscle Cars ausfindig machen, das Gerüchten zufolge verblüffend wenig Meilen auf dem Zähler haben und sich seit Jahren im Dornröschenschlaf befinden sollte.

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Tic-Toc-Tach: Die „Rally-Pac“-Instrumentierung umfasste unter anderem einen Drehzahlmesser mit integrierter Uhr. Der gesamte Innenraum zeigt keinerlei Verschleißerscheinungen, sogar die Cord-Sitze sind perfekt erhalten.

Alles zu seiner Zeit

Obwohl der Besitzer es ablehnte, den Javelin zu verkaufen oder auch nur den beschrieben Zustand zu bestätigen, behielt Mark den Wagen auf dem Radar. Und siehe da: Zwei Jahre später tauchte das Auto wieder auf, ausgerechnet in Marks lokaler Sektion des Facebook Marketplace. Es stellte sich heraus, dass der AMC nur 20 Meilen von Marks Haus entfernt in einem Lagerhaus untergebracht war. Jeden Tag kamen 250.000 Autos an der Rarität vorbei, ohne dass die Fahrer davon etwas ahnten, denn das unscheinbare Lagerhaus war vom 16-spurigen Freeway 91 aus gut sichtbar.

Im Dämmerlicht der Halle wirkte der eingestaubte Javelin, der zwischen einem 1926er Chevrolet und einem wenig gelaufenen 1985er Lincoln Continental parkte, auf den ersten Blick etwas vernachlässigt. Bei genauer Inaugenscheinnahme stellte sich jedoch der tatsächliche Zustand heraus: Alles an dem Fahrzeug befand sich im Originalzustand, und das Beste war, dass es mit allen Hi-Performance-Optionen ausgerüstet war, die AMC gegen Ende der Muscle-Car-Ära noch im Angebot hatte.

Als James Unrein seinerzeit bei Kobler AMC-Jeep hereinspazierte, hatte er nämlich eine sehr genaue Vorstellung von dem Auto, das er kaufen wollte, und der Händler hatte einen passenden Wagen auf dem Hof stehen. Der betreffende Javelin AMX wurde im Oktober 1971 und somit früh im 1972 Modelljahr produziert, weshalb er mit einigen besonderen Teilen ausgestattet ist. An frühen 1972er Javelin AMX montierte man wie im vorigen Modelljahr weiße Blinkergläser, während Fahrzeuge, die nach November vom Band liefen, mit orangefarbenen Lichtscheiben versehen wurden. Zudem fanden an frühen Fahrzeugen, die mit den optionalen 7 × 15-Zoll-Rallye Wheels bestellt wurden, übriggebliebene „Rebel Machine“-Wheels Verwendung, obwohl im Katalog die gängigeren Standard-Rallye Wheels mit den großen AMC-„Volcano“-Nabendeckeln abgebildet waren.

Der Wagen war reichlich ausgestattet und verfügte unter anderem über Klimaanlage, Servolenkung, Bremskraftverstärker und Scheibenbremsen vorn, AMX Go Pack, erweitertes Instrumentenpaket, beheizte Heckscheibe, AM/FM-Stereoradio, Stoßstangenhörner und eine seltene Innenausstattung in Cordvelours. All diese Extras waren mit der stärksten Maschine kombiniert, die AMC im Modelljahr 1972 zu bieten hatte: dem 401 ci großen V8, der mit 255 PS deklariert wurde. Im Vergleich zum Vorjahr, als AMC für die gleiche Maschine noch 335 PS nannte, wirkt die Leistungsangabe mager. Der Grund liegt darin, dass ab 1972 Netto-PS-Werte angegeben werden mussten. Diese wurden anhand eines einbaufertigen Motors ermittelt anstatt mittels eines Aggregats, dessen Leistung etwa ohne Nebenaggregate und Luftfilter gemessen wurden. 1972 war dieser Motor eines der stärksten Triebwerke, das von einem US-Hersteller vertrieben wurde.

Bevor James seinen neuen Javelin übernahm, ließ er noch eine Abgasanlage mit Sidepipes der Firma Trend Setter nachrüsten, die von AMC als offizielles Zubehör autorisiert war. Innerhalb weniger Tage ersetzte er zudem die Stahlräder durch verchromte Cragar-Räder im Format 7 × 15 Zoll, die seinerzeit ein beliebtes Upgrade waren. So ausgerüstet, ließ sich James bisweilen mit seinem Muscle Car auf dem lokalen Drag Strip sehen. Davon abgesehen fuhr er den Wagen eher selten, wartete und pflegte ihn aber umso sorgfältiger. Statt in seiner Garage parkte James den AMC gemeinsam mit seinem Privatflugzeug in einem kleinen Hangar des örtlichen Regionalflughafens.

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Diese 32 Punkte hatte der Händler vor der Auslieferung abzuarbeiten, vorgeschrieben war auch die Prüfung der Schaltvorgänge bei Vollgas! Ungewöhnliches Extra: Mit dem Javelin erhielt Mark auch diese Schmuckurne, welche die Asche vom Bruder des Erstbesitzers enthält.

2007 wurde James von seinem Bruder Donald beerbt, der den Wagen nach Kalifornien holte und letztlich für viele Jahre in einer Garage einmottete. Später brachte er ihn in der Lagerhalle von John Palmeri unter, der ihm den Wagen schließlich abkaufte, als er sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr darum kümmern konnte. In all den Jahren hatte der Wagen lediglich 6.000 Meilen auf dem Zähler gesammelt. Nachdem Donald das Zeitliche gesegnet hatte, unterstützte John die Familie bei den Formalitäten rund um den Todesfall, wozu auch die Einäscherung der sterblichen Überreste im örtlichen Krematorium gehörte …

Über die Jahre versuchte John sporadisch, den Wagen zu veräußern. Er ließ ihn über Auktionshäuser anbieten und inserierte ihn im Internet, fand aber keinen Käufer, der dieses besondere Fahrzeug zu würdigen wusste und dessen Wert erkannte, bis er an den eingefleischten AMC-Fan Mark geriet. Als Mark den Javelin schließlich von John übernahm, gab dieser ihm ein äußerst ungewöhnliches Artefakt mit auf den Weg, das eng mit der Historie des Fahrzeugs verbunden ist: In einer sorgfältig versiegelten Urne überreichte er Donalds Asche an den neuen Besitzer des Javelin. Das mag sich ein wenig gruselig anhören, Mark hat damit jedoch kein Problem: Sofern in diesem Sommer Car Shows, wie die AMO Nationals in Kenosha, stattfinden, möchte er auf dem Weg dorthin die Urne zu einem Abstecher nach Hayes, KS, mitnehmen wo Donalds Bruder den AMC vor 49 Jahren als Neuwagen erstand.

Text: Richard Truesdell/F.M.
Fotos: Richard Truesdell

AMX
Der 401-ci-V8 war der größte Motor, den AMC jemals im Programm hatte; das 255-PS-Triebwerk war im AMX mit einer Cowl-Induction-Luftzuführung ausgestattet.

1972er AMC Javelin AMX

Motor: OHV-V8, 401 ci, 6.573 ccm, 255 PS bei 4.600 U/min, 468 Nm bei 3.300 U/min; Bohrung x Hub in mm: 105,8 x 93,5; Verdichtung 8,5:1; Vierfachvergaser, Doppel-Auspuffanlage
Kraftübertragung: Dreigang-Automatikgetriebe Chrysler TorqueFlite 727, Hinterradantrieb, „Twin Grip“-Sperrdifferenzial (Teil des Go-Pack)
Vorderachse: Einzelradaufhängung an oberen und unteren Querlenkern, Federbeine mit Schraubenfedern, Querstabilisator, Servolenkung
Hinterachse: Starrachse an Blattfedern, Teleskopstoßdämpfer, Querstabilisator
Bremsen: Scheibenbremsen vorn, Trommelbremsen hinten, Bremskraftverstärker
Räder: Stahlräder „Rebel Machine Wheels“ in 7 x 15″
Reifen: Diagonalreifen Goodyear „Polyglas GT“ in E 60-15
Sonstiges: originales Fahrzeug mit „Go Pack“ (Motor mit Vierfachvergaser, Doppelauspuff, Sperrdifferenzial, „T-Streifen“ auf der Motorhaube, schwarze Heckblende, „Rally-Pac“-Instrumente, Handling Package, Cowl-Air-Luftzuführung zum Vergaser, verstärkte Motorkühlung, Scheibenbremsen vorn, White Letter Tires auf Stahlsporträdern), „Trend Setter“-Sidepipes als Händleroption nachgerüstet, originale 6.000 Meilen

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